Der Weihnachtsstern für die Tiere



Über dem Land lag ein zarter Nebel, die Luft war kalt, auf die Zweige der Bäume legte sich ein Hauch von Reif. Die Sonne ging gerade unter. Das Dunkel der Nacht kroch irgendwo aus einem Loch, das niemand kennt.
An diesem Abend gab es für Deborah, Sarah und Lea, drei Engel, einen Auftrag zu erledigen. Sie wussten nicht wo und auch nicht bei wem. Es gab nur einen Anhaltspunkt.
Ein Eichhörnchen, ein Igel und ein Kätzchen berichteten ihnen, dass in dem Garten in dem sie lebten, Menschen einen Stern in den Baum gehängt haben und überall kleine Lichter stehen.

Das Eichhörnchen hatte noch nie etwas von Weihnachten gehört, viel zu beschäftigt war es mit den Wintervorbereitungen. Nüsse liegen ja nicht einfach auf der Straße. Die Amsel und die Meise dagegen fanden ihr Futter viel leichter. Die Vogelhäuschen sind schon prall gefüllt, wenn der erste kalte Wind um die Ecke bläst. Der Igel scharrte das dichte Laub um sich, baute sich daraus eine kleine Höhle und freute sich auf den Winterschlaf. Doch so recht wollte dieser sich nicht einstellen. Reichte der angefressene Speck nicht aus, dass es ihm so unbequem war? Unmöglich! Den Sommer erlebte er wie im Paradies mit all den vielen Insekten. Er lebte wie im Schlaraffenland. Eigentlich war er satt und zufrieden. Nach einigen Liegeversuchen wusste er endlich, was ihn in seiner Ruhe störte. Da fiel irgendwo zwischen den Blättern seines Winterbaus ein helles Licht herein und deshalb fand er keinen Schlaf. Also alles beiseite räumen und nachschauen, was ihn um seinen kostbaren Winterschlaf bringt.
Vielleicht beobachtete ihn ja jemand bei seinen Wintervorbereitungen. Aber seine Winterruhe ist ihm heilig. „Ooooooh - so ein heller Stern und so nahe!" rief der Igel voller Begeisterung, als er vor seinem Winterquartier stand. Seine Stacheln stellten sich kerzengerade auf, seine Verwunderung war riesengroß. Noch nie in seinem Igelleben war ihm so ein heller Stern begegnet. Trotz der Kälte, die ihm umgab, lief er im Garten hin und her und traf das Eichhörnchen.
„ He, Eichhörnchen, was ist das für ein Stern und wo kommt der denn auf einmal her? Wer hat den dort oben in den Baum gehängt?" und dann etwas mürrisch „Der stört mich in meiner wohlverdienten Winterruhe."
Das Eichhörnchen nahm seinen buschigen Schwanz und strich damit über die kleine Nase des Igels.
„Das ist doch schön, dass wir auch einen Stern haben, ganz für uns allein." sagte das Eichhörnchen und machte einen Purzelbaum vor lauter Freude. Das sah das Kätzchen, blieb in einiger Entfernung sitzen und fragte „Was ist denn hier los? Lagebesprechung vor dem Winter - ich bin dabei."
„Nein, nein - sieh dir nur diesen Stern an, der wurde extra für uns in den Baum gehängt."
erwiderte das Eichhörnchen ganz eifrig und nickte mit seinem Köpfchen, als wollte es die Zustimmung des Kätzchens erzwingen. „Ja, ich weiß, diese Sterne hängen auch dort im Haus bei den Menschen, überall. Das nennen die Leute Weihnachten." belehrte das Kätzchen ihre Zuhörer.
„Eine Nacht zum Weinen????" fragte das Eichhörnchen und kratzte sich hinter dem Ohr.
„Warum das denn?"
„Nein, nicht weinen, es ist ein fröhliches Fest, wo sich die Menschen etwas schenken und sich freuen. Sie zünden viele Lichter an, weil es draußen so dunkel ist." meinte das Kätzchen und war stolz, dies alles zu wissen.
„Mmmmh" kam es aus der anderen Ecke vom Igel. „Diesen Stern finde ich toll, super toll" und wieder schlug das Eichhörnchen einen Purzelbaum.
„Wenn heute Nacht unsere drei Engel wieder vorbeikommen, müssen wir sie fragen, warum die Menschen für uns auch einen Stern aufgehängt haben." meinte die Amsel, die vom Baum aus dieser ganzen Unterhaltung zugehört hatte.

Gesagt, getan - als die drei Engel Deborah, Sarah und Lea einige Nächte später durchs Land zogen, suchte das Kätzchen nach ihnen und berichtete aufgeregt von diesem wunderbaren Stern. Die drei Engel hatten schon viel gesehen, aber dieser Bericht war etwas Neues in ihrer Laufbahn.
„Wo finden wir diesen Garten?" wollte Lea wissen.
„Er liegt ganz da draußen, am Rande der Stadt. Ihr müsst nur nach einem großen, hellen Stern Ausschau halten, der in einem großen Baum hängt." und dann setzte das Kätzchen noch hinzu
„Und lasst euch eine Idee einfallen, wie wir uns bei den Menschen bedanken können." rief ihnen das Kätzchen zu, als die Engel weiterzogen.

So erfuhren Deborah, Sarah und Lea vom Stern im Baum und waren nun unterwegs, ihren Auftrag zu erfüllen. Sie wollten sich ganz viel Zeit dafür nehmen, denn es handelte sich um einen ganz besonderen Auftrag.
Als sie das letzte Mal auf dieser Route entlang zogen, war die Nacht klar und der Vollmond schien mit einer Helligkeit, dass man glaubte, ein Scheinwerfer würde irgendwo her sein Licht verbreiten.
Heute lag alles im Nebel und sah anders aus. Sie machten hier und da halt, um zu sehen, ob sie noch auf dem richtigen Weg waren. Sie kannten die Menschen in den Häusern, wo sie schon zu tun hatten. An vielen zogen sie vorüber, aus denen sie Zank und Streit hörten, oder in anderen Häusern, wo alles still und ruhig war. Nur ein Kasten mit bunten Bildern flimmerte und flackerte unentwegt. Keiner redete mit dem andern.
Einmal kamen sie an einem Haus vorüber, da saß jeder in einem anderen Raum, keiner ging zum anderen, jeder blieb für sich. Ganz laut ging es in einem anderen Haus zu, da flogen die Fetzen. Obwohl jeder redete, verstand man kein Wort und es klang böse. Deborah erinnerte sich an frühere Jahre, wo in den Wohnungen die Menschen beieinander saßen, sich gemeinsam freuten, gemeinsam spielten, sangen, bastelten und leckeres Gebäck aßen. „Und warum gibt es das heute nicht mehr?" fragte Sarah ganz nachdenklich.
„Weil- weil- weil...." Deborah musste lange überlegen.
„Weil sich die Menschen und die Zeiten verändert haben. Es gibt so viele Dinge für die Kinder zu kaufen, doch keiner zeigt ihnen, wie man damit spielt. Und das Singen, Basteln, Malen übernehmen Geräte, der Computer, das Radio und der Fernseher, bei denen man gar nichts mehr tun muss. Man sitzt nur davor und guckt, bis man müde ist und einschläft."
„Das ist aber schade" sagten Lea und Sarah fast gleichzeitig. Bei ihren Unterhaltungen vergaßen sie, auf den richtigen Weg zu achten und nach dem Stern zu suchen.
Bei einer kleinen Verschnaufpause gab Deborah neue Anweisungen an ihre beiden Engel, die noch keine so große Erfahrung hatten. „Sarah, du schaust rechts, Lea, du schaust links und ich schau gerade aus. Dann werden wir unser Ziel schon finden."
„Da, da unten, ich sehe den Stern, schaut hierher, hierher" rief Sarah ganz aufgeregt.
Und wirklich, da hing der wunderschöne Stern im Baum. Er strahlte hell und weit und der Nebel leitete die Strahlen weiter, so dass man ihn weithin sehen konnte.
Eiligst folgten sie dem Lichtstrahl und da saßen im Garten genau darunter das Eichhörnchen, der Igel, das Kätzchen und auf dem Vogelhäuschen hatten es sich die Amsel und die Meise bequem gemacht. Sie erzählten sich gerade die Geschichte vom Nikolaus. „Ei, da seid ihr ja." rief das Eichhörnchen den Engeln entgegen, das sie als erstes sah.
„Wir haben schon auf euch gewartet." erklärte der Igel. Auf einmal redeten alle durcheinander und bekundeten ihre Freude über diesen Stern, dass er nur für sie war und wie hübsch dieser Stern war mit seinen vielen Zacken.
„Nun" unterbrach Deborah die kleine Versammlung.
„Lasst uns gemeinsam überlegen, wie wir den Menschen dafür danke sagen können."
„ Ans Fenster klopfen." schaltete sich die Amsel von ihrem Hochsitz ein und wippte mit ihrem Schwanz auf und nieder.
„Oder wir sammeln ein paar wilde Beeren und schöne bunte Blätter und legen sie vor die Türe." meinte das Eichhörnchen.
„Lasst mich ein Lied trällern für die Menschen." meldete sich die Meise zu Wort.
„Das hört sich alles ganz toll an, aber das Zwitschern der Vögel hören sie auch so und Laub und Beeren liegen überall im Garten. Das sieht nicht nach einem Dankeschön aus." gab das Kätzchen erneut mit ihrer Klugheit ein bisschen an.
„Was meint ihr dazu, Engelchen?" der Igel schwieg lange, aber nun ergriff er das Wort, denn es wurde für ihn aller höchste Eisenbahn für seinen Winterschlaf.
„Also ich denke, wir verzaubern ihr Haus mit kleinen Zweigen an den Fenstern, an denen kleine Engelchen, Zwerge und andere Figuren hängen, die zwischen Watte gepackt sind, damit es aussieht, als hänge alles in den Wolken." schlug Deborah den anderen vor. Schließlich hatte sie die meiste Erfahrung in solchen Dingen. „Ja und kleine Tütchen, gefüllt mit Nüssen und Schokolade, Malstiften oder Fingerpuppen hängen wir dazwischen." fiel Sarah ihr ins Wort.
„Und vor allem der Tisch, an dem sie zum Essen sitzen, den machen wir ganz, ganz schön." überlegte sich Lea.
„Das sind ganz viele Dinge auf einmal." wand der Igel ein und dachte wohl schon lange an seinen ersehnten Winterschlaf. Diese ganze Aufregung war wohl zu viel für ihn.
„Da helfen wir alle mit." war der Kommentar des Eichhörnchens, das sich auf seine Hinterfüße stellte und mit dem Schwanz wedelte und immerzu mit dem Köpfchen nickte.
„Nun denn, lasst uns ans Werk gehen, In drei Tagen, wenn der Mond anfängt wieder kleiner zu werden, treffen wir uns wieder hier." lies Deborah laut verkünden. Dann entschwanden die drei Engel im Nebel.
Da lag eine Menge Arbeit vor den drei Engeln. Zwei Nächte bastelten sie an den Zweigen und Figuren, denen sie rote Nasen anmalten und kleine Zipfelmützen schneiderten, sie auf Watte setzten, als säßen sie auf einer Wolke. Hier noch einen Farbklecks, da noch ein kleines Körbchen mit Nüssen, dort noch ein Säckchen mit Süßigkeiten. Alles sollte auch halten und nicht gleich wieder auseinanderfallen.
Dann endlich war es soweit. Sie machten sich auf den Weg zum Baum mit IHREM Stern.
Heute fanden sie den Garten gleich. Igel, Kätzchen, Eichhörnchen, Amsel und Meise versammelten sich und sahen den Engeln bei der Arbeit zu.
„Das habt ihr aber toll gemacht." der Igel war ganz angetan von diesen Dingen, die er sah. Da hat sich mein Wachbleiben ja richtig gelohnt. Auch das Eichhörnchen war entzückt von den Basteleien der Engel.
Flugs mit aller Emsigkeit verzauberten die Engel das Haus. Überall auf den Fensterbrettern, auf den Treppen und im Eingang sah es aus, wie bei den Engeln auf den Wolken. Es roch nach Schokolade und Nüssen, die in kleinen Tüten am Treppengeländer hingen. Der Morgen konnte kommen.
Als das Eichhörnchen sah, dass alles fertig war, war es enttäuscht. „Wir wollten euch doch helfen und jetzt ist schon alles an seinem Platz."
„ Nicht traurig sein, kleines Eichhörnchen." tröstete Deborah. „Euch kommt eine ganz besonders große Aufgabe zu." Sie stellte sich neben alle, hob ihren Zeigefinger und sprach wie ein Lehrer zu seinen Schülern:
„Wenn es hell wird, setzt ihr euch an die Fenster und beobachtet genau, was passiert.
Dieser Erfahrungsbericht wird für uns ganz wichtig sein. Damit wir auch anderen Menschen Freude machen können." es war ganz still. Als der Igel als Erster sich wieder zu Wort melden wollte, bemerkten sie, dass die drei Engel bereits weg waren.
„Schade, ich wollte doch nur danke sagen." bedauerte der Igel. „Sie holen sich ihren Bericht schon wieder ab und werden uns ganz genau befragen, was wir gesehen haben." wortgewaltig klang es vom Kätzchen herüber.
„Aber nun alle an die Arbeit, jeder nimmt seinen Platz ein und beobachtet, was im Haus vorgeht. Bald wird es hell. Das Eichhörnchen plusterte sich auf und entschwand an das Küchenfenster, wo als erstes das Licht angehen würde. Im Garten war es kalt, aber das störte keinen der Gartenbewohner. Sie alle waren gespannt, ihre Herzen klopften wie verrückt. Sie konnten es kaum erwarten.

Da ging plötzlich ein Licht im Haus an, dann noch eins und noch eins und bald war das ganze Haus hell erleuchtet. Zwei kleine Mädchen in ihren Nachthemden rannten durch das ganze Haus, treppauf, treppab. Sie tanzten und lachten. Die kleinen Figuren betrachteten sie von allen Seiten und amüsierten sich über die kleinen roten Nasen der Zwerge. Bald klebten an den Fingern schon erste Schokolade und alles war köstlich. Jeder der Tiere, die gespannt an ihren Fenstern saßen, sah die leuchtenden Augen der beiden Mädchen und die Freude, die sich im ganzen Haus breitmachte. Die beiden Mädchen setzten sich auf einen Fensterstock und schauten hinaus ins Dunkel. Sie blickten auf den Stern und sahen einfach nur glücklich aus.

So war aus der Freude der Tiere über den Stern im Baum ein Dankeschön von den Tieren und den Engeln an die Menschen geworden.